Sarrazin: Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.

So war es zu lesen in einem sehr ausführlichen Interview der Intellektuellen-Zeitschrift Lettre International. Und gelesen wurde es – auch von Ijoma Mangold, dem stellvertretenden Feuilletonchef der Zeit. Der dann ebenfalls Thilo Sarrazin interviewte.

Zeit-Magazin: Ich fand Ihre herablassende Formulierung über die Kopftuchmädchen scheußlich.

Sarrazin: Ja, darin liegt eine negative Emotionalität, die ich auch empfinde. Meine mitteleuropäische Herkunft prägt mein Schönheits- und Werteideal. Deshalb finde ich keinen Gefallen an einer gesellschaftlich-religiösen Norm wie dem Verhüllen der Frauen. Und ebenso wenig erfreut bin ich über Menschen, die gesund und arbeitsfähig sind, aber vom Staat leben, insbesondere dann, wenn deren wahres Motiv für Kinderreichtum in staatlichen Transferleistungen zu suchen ist. Und eben darin lag eine Emotionalität, zu der ich auch stehe.

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„Ich freue mich, daß Sie die Wichtigkeit der Erziehung auf der frühesten Lebensstufe anerkennen. Die Bedeutung derselben wurde beinahe allgemein übersehen.“ Das schreibt uns Johann Heinrich Pestalozzi in einem Brief aus dem Jahr 1818.

„Der Mensch ist nicht begabt, er wird begabt – und er wird um so erfolgreicher begabt, je günstiger und rechtzeitiger die Anregungen zur Weckung und Förderung der Lernfähigkeit einsetzen.“ Das sagt uns Hildegard Hamm-Brücher in einem Spiegel-Interview des Jahres 1970. Und die damalige Familienministerin Käte Strobel attestierte: „Unsere Kindergartenarbeit ist veraltet und wird den Maßstäben nicht gerecht, die an ein modernes Bildungswesen zu stellen sind.“ – Nur eine umfassende Vorschulerziehung sei in der Lage, milieubedingte Bildungsbarrieren und Chancenungleichheit schrittweise auszugleichen und damit das Fundament für den Aufbau eines demokratischen Bildungswesens zu schaffen. So Hildegard-Hamm-Brücher – vor 40 Jahren.

Und heute stehen wir staunend vor derselben Baustelle. An der immer noch nicht wirklich gearbeitet wird. Obwohl die milieubedingten Bildungsbarrieren inzwischen sogar noch größer geworden sind.

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Wenn dem Deutschen nicht gefällt, wie er im PISA-Vergleichstest abschneidet, dann geht er gleich aufs Ganze. Es muss dringend etwas geschehen, denkt er sich – und bastelt auch schon an einer ganz grundsätzlichen Erneuerung der Schulstruktur. An der pädagogischen Qualität herumzudoktern, das ist ihm irgendwie fremd. Er braucht ein – in Verwaltungseinheiten – messbares Ergebnis.

Wenn der Deutsche entdeckt, dass es in kirchlichen Einrichtungen offenbar diverse Übergriffe aller Art gegeben hat, dann fühlt er sich sofort herausgefordert, die kirchlichen Strukturen umzuwälzen. Die Ausbildung von Priestern zu verbessern, das ist ihm irgendwie fad. Die Katholiken sollten sich vielmehr wie die Evangelischen strukturieren, sollten die Priesterehe einführen und sich natürlich vom Papst lossagen. Die Evangelischen selbst könnten sich dann ja zu SPD-Ortsvereinen umstrukturieren.

Und wenn es dem Deutschen mal gerade zu gut geht, dann beschäftigt er sich mit Zusammenlegen von Stadtbezirken, Eingemeinden von Vororten, Kreisreformen und ähnlich überfälligen Angelegenheiten.

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Es passierte in Hamburg. Wer volksnahe Politik macht, kann bei Volksentscheiden nur gewinnen. Das dachten jedenfalls die Grünen. Aber in Sachen Schulpolitik haben sie sich vollkommen verrechnet. Obwohl sich praktisch alle Parteien hinter ihr Prestige-Projekt der 6-jährigen Grundschule gestellt haben, sagte das Volk doch: Nein, danke!

Offenbar beruhte alles auf einem Irrtum. In den Anne-Will-Medien wurde die Parole „länger gemeinsam lernen“ so oft rauf- und runtergebetet, dass sich die Sache zu einem regelrechten Religionskrieg gegen die vermeintlich Zurückgebliebenen auswuchs. Und so konnten sich die Spitzenpolitiker der Grünen, die selbst eher keine Kinder haben, in dieser Sache mal irren. Hätten sie den Bildungspolitiker der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus gefragt, hätte der ihnen vielleicht verraten, dass er sein Kind schon gleich mit dem Schulanfang in eine andere Schule gebracht hat als seine Nachbarn. Jetzt haben die Grünen in Hamburg also noch zwei weitere Jahre, um in einer Koalition mit der CDU das gemeinsame Lernen zu üben. Vielleicht lernen sie dabei, der Wählerschaft des Koalitionspartners nichts vorzuschreiben, was diese per Volksentscheid gleich wieder einkassiert.

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Anstelle von Gesellschaft würde ich sagen können: Staat – wenn wir einen hätten. Ich erblicke den Staat im Augenblick nicht. Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken lässt. (1966 – Dritte Wuppertaler Rede – in Anwesenheit des Bundespräsidenten)

Ich möchte nur, dass dem Kommunismus in der Ausübung seiner Macht mindestens so viele Jahrhunderte Zeit gegeben wird, wie sie der Kapitalismus gehabt hat. Denn ich halte den Kommunismus immer noch für eine Hoffnung, für eine Möglichkeit des Menschen, sich die Erde untertan zu machen, ihr Ordnung zu geben – wobei wir übrigens meinetwegen auch das Wort Sozialismus gebrauchen können. Diese Hoffnung teile ich offensichtlich mit den Völkern der Erde, die jetzt anfangen sich zu befreien. (1967 – Interview von Marcel Reich-Ranicki)

Heinrich Böll


Das Statistische Bundesamt nennt es den Gender Pay Gap. Englisch klingt immer gut. Und die moderne Journalistin versteht es ja auch. Nur für das Kleingedruckte, das regelmäßig mitgeliefert wird, reicht ihr offenbar die Zeit nicht mehr: Bei der Interpretation der Werte sollte berücksichtigt werden, dass es sich um den unbereinigten Gender Pay Gap handelt. Aussagen zum Unterschied in den Verdiensten von weiblichen und männlichen Beschäftigten mit gleichem Beruf, vergleichbarer Tätigkeit usw. sind damit nicht möglich. So das Statistische Bundesamt.

Wenn Frauen weniger als Männer verdienen, liegt es also anscheinend daran, dass sie in anderen Berufen stehen. Und dass viele Frauen tatsächlich keiner vergleichbaren Tätigkeit nachgehen, kann natürlich verschiedene Gründe haben, von denen der Zeitfaktor aber sicher nicht der unbedeutendste ist. Eine fünfzigjährige Frau hat in ihrem Leben bereits 29einhalb Jahre mit Suche nach neuen Schuhen und Anprobieren von Kleidungsstücken, mit Frauenzeitschriften-Lektüre, Studium von Daily Soaps, mit Make-up-Konversationen, Prosecco-Smalltalk, Yoga, Schönheitsschlaf und mit unzähligen Handtaschen-Durchsuchungen verbracht. Während der Mann gleichzeitig an seiner Karriere gebastelt hat.

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Feminismus ist kein kurzfristiger Arbeitsauftrag. Sagt Doris Stump. Arbeitsauftrag? Von wem sollte dieser Auftrag denn eigentlich ausgesprochen worden sein? Von August Bebel? Der wollte tatsächlich die Frauen für den Sozialismus gewinnen – zur Zeit unserer Ururgroßmütter. Und nun wäre die Schweizer Sozialistin mit dem prominenten Stump-Kinn also die Letzte, die sich an diesem ururalten Auftrag noch abarbeitet.

Da hat sie doch neulich erst im Europarat – in einem Bericht zur Darstellung von Frauen in den Medien – den Mutterbegriff denunziert. Frauen würden als passive und geringere Wesen, Mütter und Sexualobjekte dargestellt. Und das sei alles schlecht. In der Schweiz versucht sie, das Wort Mutter durch „das Elter“ zu ersetzen – ein schweizerischer Begriff aus der Zeit August Bebels. Für die Gebärmutter oder die Schraubenmutter muss sie sich noch etwas einfallen lassen. Ist alles nicht so leicht, wenn frau auf einmal ganz allein an der feministischen Front steht. Und den Europarat-Text hat sie so am Ende auch nicht durchgekriegt. Apropos Europarat: Der hat gar nichts mit der EU zu tun? Wofür brauchen wir den dann überhaupt noch?

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