Atomenergie in schmalen Büchsen

08Jul10

Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nord-Kanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln. Sie würden ausreichen, um der Menschheit die Energie, die sonst in Millionen von Arbeitsstunden gewonnen werden musste, in schmalen Büchsen, höchstkonzentriert, zum Gebrauch fertig darzureichen.

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung (1959)

Diese geballte Ladung konkreter Utopie war der Wegbereiter einer ungeduldigen Begeisterung der linken Intellektuellen für die Kernenergie. Bis zum Februar 1975. Da besetzten Bauern, Winzer und Jäger den Bauplatz für das oberrheinische Kernkraftwerk Wyhl. Und in ihrer hohen opportunistischen Wut schwenkten die Intellektuellen um – auf einen erbitterten Protest gegen den Atomstaat. Und Ernst Bloch wurde fortan nur noch unter der Bettdecke gelesen.

PhS © Chamisso Akademie

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