Kurze Geschichte der Reformpädagogik

05Jul10

Mit Abbotsholme in England fing es im späten 19. Jahrhundert an. Ein winziges Internat für Jungen, in dem der Verzehr von Fleisch und auch das Tragen von Unterwäsche verboten sind. „The Love of Comrades“ hat sich der autoritäre Leiter der Schule zum Wahlspruch erkoren. Genau dort ist Hermann Lietz, der Gründer des ersten deutschen Landerziehungsheims, infiziert worden. Seine Schulen sind Teil der deutschen Lebensreform-Bewegung. Und eingebettet in die evangelisch-deutschnationale Strömung des Kaiserreichs. Lietz lässt es sich nicht nehmen, mit seinen Jungs freiwillig in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

Nachwuchs bekommen die Reformschulen aus dem Reservoir begüterter Schulversager. Ein besonders teures Internat ist die Odenwaldschule – mit ihrem langbärtigen Guru namens Geheeb. Er schreibt den Eltern schon mal, dass ihr asoziales Kind niemals in der Familie, sondern nur in seiner Schule gedeihen könne. Die staatlichen Schulen werden von den Reformern als Buchschulen verspottet. Man propagiert nicht nur den pädagogischen Eros, sondern auch eine Kultur der Nacktheit. Die Nazis können eine ganze Menge pädagogischer Ideen nahtlos von den Reformschulen übernehmen. Und dass einige der krudesten Vorstellungen von Erziehung bis in unsere Zeit überlebt haben, zeigt uns nun besagte Odenwaldschule.

PhS © Chamisso Akademie

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