Seit Wochen halten die Massendemonstrationen von Stuttgart die Medien und die Öffentlichkeit auf Trab. Kaum zu glauben, dass der Bau eines Bahnhofs, der jahrelang niemanden interessiert hat, die Leute so in Wallung bringt. Wo war das Stuttgarter Bürgertum, das jetzt Fähnchen schwenkend tränenden Auges für ein paar Bäume und gegen die grundlegende Verbesserung der Lebensverhältnisse in seiner Stadt kämpft in den letzten 17 Jahren, als das Projekt vorgestellt, beschlossen, genehmigt und gerichtsfest gemacht wurde?

Langsam begreifen selbst unsere Mainstream-Medien, die durch ihre Berichterstattung erheblich zur Eskalation der Situation beigetragen haben, daß es um mehr geht, als ein ungeliebtes Modernisierungsprojekt. In Stuttgart kommt das zerrüttete Verhältnis von Bürgern zur Politik zum Ausbruch. (…) Dass den Ulmer Berufspendlern jeden Tag 40 Minuten Fahrtzeit erspart blieben, ist den Stuttgartern keine Überlegung wert. Erstaunlicherweise profitieren die Grünen von den Protesten, obwohl sie jahrzehntelang gepredigt haben, möglichst viel Verkehr auf die Schiene zu verlegen und mit ihrer Gegnerschaft zum von ihnen mitbeschlossenen Projekt Stuttgart 21 das genaue Gegenteil betreiben.

Erstaunlich auch, wie grüne und sozialdemokratische Politiker die rechtsstaatlichen Prinzipien, die zu schützen sie gewählt sind, über Bord zu werfen bereit sind, um eines vermeintlichen Wahl-Vorteils willen. (…) Noch bedenklicher ist, wie die Stuttgarter Proteste Allmachtsfantasien und totalitäre Verhaltensmuster fördern. So lässt der Chef der „Parkschützer“ von Herrmann die Medien unverblümt wissen, er könne größere Demonstranten-Gruppen dahin lenken, wo er sie brauche. Er führt, die anderen folgen. Ist das die „neue Protestkultur“? Auch bei der Beschreibung seiner Ziele lässt von Herrmann keinen Zweifel: er will den totalen Sieg, keinen Kompromiss, mit dem anschließend alle leben können. Die Politiker, wie Ministerpräsident Mappus, die versuchen, die rechtsstaatlichen Prinzipien zu verteidigen, agieren ungeschickt bis unbedarft. Anders ist die Benennung von Attack-Mitglied Geißler als Vermittler nicht zu nennen.

Dass Geißler keinesfalls ein Kompromiss für das Projekt, sondern eine Rolle als Heilsbringer für die Stuttgart 21-Gegner im Sinn hat, beweisen seine unabgesprochenen Alleingänge, um einen Baustopp zu erzwingen. Mappus scheint von allen guten Beratern verlassen zu sein. (…) Am Ende wird das Scherbengericht, das vor unser aller Augen angerichtet wird, niemand gewollt haben. Wir können nur hoffen , dass es dann nicht zu spät ist.

© Vera Lengsfeld


Richard Herziger, vor einigen Tagen im Deutschlandradio zum Thema „Hooligans auf Rädern“:

Radfahrer überschwemmen in stetig anschwellender Zahl jeden Winkel des städtischen Raums. Unzählige von ihnen scheinen es dabei für ihr angestammtes Recht zu halten, Fußgängerwege und -zonen nach Belieben in Besitz zu nehmen.

(…) Jahrzehntelang wurde das Fahrrad von einer zunächst im grün-alternativen Milieu ausgeheckten, inzwischen aber zum Mainstream verhärteten Ideologie als Inbegriff des friedfertigen, ökologisch verträglichen und gesundheitsgerechten Fortbewegungsmittels glorifiziert. Deshalb fehlt immer mehr Radfahrern heute jedes Bewusstsein dafür, dass sich ihre scheinbar so beschaulich sanfte Apparatur im Handumdrehen in eine gefährliche Waffe verwandeln kann.

(…) Mit der Dauerverfolgung des Fußgängers durch Fahrradfahrer auf seinem ureigensten Terrain, dem Bürgersteig, nicht umsonst Trottoir genannt, droht auch eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften des Zeitalters bürgerlicher Urbanität geschleift zu werden: das Flanieren. Wenn das Zurücklegen von Wegen zu Fuß zum Spießrutenlaufen wird, gerät das ziellose, zweckfreie Umhergehen im öffentlichen Raum, welches das Wesen des Flanierens – oder profaner gesprochen: des Bummelns – ausmacht, zur nervenzerfetzenden Tortur.

Richard Herzinger


In der Ausgabe 33/1974 berichtet der Spiegel unter dem Titel „Katastrophe auf Raten“: Kommt eine neue Eiszeit? Nicht gleich, aber der verregnete Sommer in Nordeuropa, so befürchten die Klimaforscher, war nur ein Teil eines weltweiten Wetterumschwungs.

Ja wirklich: Die Klimaforscher der Siebziger sagten der Menschheit eine Phase der Unwetter, Missernten und Hungersnöte – ja eine regelrechte Apokalypse durch Abkühlung voraus. Und damals wie heute forderten die Klimaforscher vor dem Hintergrund all der von ihnen prognostizierten Katastrophen mehr organisatorische und finanzielle Mittel. Und haben sie bekommen.

Als ich meiner Tochter erklärte, der Klimawandel sei eine Theorie und sie solle doch bitte nicht jedes Mal beim Essen von Butter ein schlechtes Gewissen haben – Kühe produzieren nämlich das besonders effektive Treibhausgas Methan, wie sie in einer ihrer Kinder-Wissenssendungen erfahren hatte – war sie irritiert und auch ein wenig empört über meinen Standpunkt. Bin ich also zu spät dran? Hat meine Tochter den Glauben an eine kommende Klimakatastrophe bereits so sehr verinnerlicht, dass sie jeden Zweifel daran für unstatthaft und unmoralisch hält – für Häresie? Ich hoffe nicht.

Ulrich Woelk, vor einiger Zeit zu hören im Deutschlandradio


Die kleine Yvonne liegt im Koma. Sie kriegt nicht mehr mit, dass das KZ Bergen-Belsen im April 1945 von den Briten befreit wird. Und als sie einige Wochen später dann wieder zu sich kommt und in einem sauberen Bett erwacht, sieht sie eine freundliche Krankenschwester und einen britischen Offizier. Und sie denkt: Ich bin im Himmel.

Im Jahr vorher hat Yvonne in der Hölle gelebt. Weil ihr Vater als Arzt auch Juden behandelt hatte, musste die Familie untertauchen. Sie konnten nicht mehr verbergen, dass sie selbst auch jüdische Vorfahren hatten. Die elfjährige Yvonne fand Unterschlupf in einem Klosterinternat. Aber die Nazis spürten sie auch dort auf – und steckten sie ins KZ. Allein unter Fremden. Erwachsene Frauen und fremde Mütter stehlen ihr das Essen, um selbst überleben zu können. Viele verhungern, einige werden erschossen, andere sterben an Typhus. Die Nazis hinterlassen Berge von Leichen, als sie schließlich vor den Alliierten die Flucht ergreifen. Und die kleine Yvonne liegt im Koma. Wären die Engländer nur wenige Stunden später gekommen, wäre sie tot gewesen. Und niemals Mikrobiologin geworden.

PhS © Chamisso Akademie


Ich … Ich kriege keine Luft mehr … Ganz ruhig bleiben … Ich habe es geschafft. Ich bin in Deutschland … Deutschland sehen und sterben … Alle sagen das bei uns in Bosnien. Wer in Deutschland stirbt, kommt sofort in den Himmel. Ich glaube, die Chinesin da unten ist schon tot … Ich höre die Musik. Die Party hat schon angefangen. Und alle sind gekommen … Ich habe es auch geschafft … Duisburg … Das ist die schönste Stadt in Deutschland. Das schönste Land der Welt … Und Duisburg ist die schönste Stadt der Welt … Gleich vor dem Bahnhof gibt es eine Autobahn … Eine Autobahn unmittelbar vor dem Bahnhof. Und immer fahren auf der Autobahn die Autos … Duisburg … Ich bin in Duisburg und ich höre die Musik. Die Party hat schon längst angefangen. Und wir sind alle gekommen … Es ist nur zu eng. Es ist einfach zu eng hier … Ich kriege keine Luft mehr … Die Chinesin da unten ist jetzt schon tot … Wenn ich nicht hier wäre, dann gäbe es ein bisschen mehr Platz … Aber ich habe es geschafft. Ich bin in Duisburg … Die Chinesin ist jetzt schon im Himmel … Und ich … Ich …

PhS © Chamisso Akademie – Wir sind zutiefst erschüttert und trauern mit den Angehörigen. Seit dem 24. Juli 2010 ist nichts mehr, wie es war.


Sie leben im Prenzlauer Berg – und manche auch im Bergmannstraßen-Kiez. Sie kommen aus dem Schwabenland, aus dem Saar- oder dem Sauerland. Und sie halten sich alle für Hauptdarsteller in einer Real-Life-Dokusoap: Casting-Allee – oder Lindenstraße von Berlin – oder Bionade-Biedermeier.

Sie müssen sich nicht für Spießer halten, weil wir das ja sind. Sie können sich nicht für Mainstream halten, weil wir das schon sind. Also nennen sie sich einfach Bionade-Bürgertum. Selbstverständlich sind sie irgendwie links und geradezu reflexartig gegen alles, was aus dem bürgerlichen Lager kommt. Aber so gut leben wie das Bürgertum – möchten sie schon. Dazu kann auch so’n großstadttauglicher Möchtegern-Geländewagen gehören, mit dem man die Kleinen zur Kita bringt, auf dem Weg nach Hause mit laufendem Motor in zweiter Spur vor der Bio Company hält und noch schnell ein wenig Bio-Knoblauch aus Argentinien und eine Kiste Bionade kauft.

Bei der nächsten Wahl macht man dann einfach sein Kreuz bei den Grünen und erwirbt ein paar Emissions-Zertifikate gegen das schlechte Gewissen. Und die wirklichen Probleme gibt’s nicht in der Wirklichkeit, sondern in Geissendörfers Lindenstraße.

PhS © Chamisso Akademie


Und setzt sich ein Denkmal. Ausgerechnet in Potsdam. Unmittelbar vor der Villa, in der Harry Truman 1945 während der Potsdamer Konferenz wohnte. Denn daraus ergibt sich ein seidenfein gesponnener Vorwand: Hier hat Präsident Truman mit seinen Beratern über das Ultimatum gesprochen, das man den Japanern gemacht hatte. Die Japaner – das waren damals die Verbündeten der Nazis – kämpften nach Hitlers Ende in ihrem Teil der Welt unvermindert verbissen weiter. Das kostete jeden Monat einer viertel Million Menschen in Südostasien das Leben – und hätte noch lange so weitergehen können. Wenn die Amerikaner, nachdem Japan sich standhaft weigerte bedingungslos zu kapitulieren, nicht die beiden tödlichen Atombomben geworfen hätten.

Also, dachten sich die Grünen in Potsdam, nennen wir den Platz vor der Villa einfach Hiroshima-Platz, ignorieren die grauenhaften Kriegsverbrechen unserer damaligen Verbündeten in China und Korea – und erinnern mit einem feinen sauberen Denkmal an die bösen Amerikaner und ihre miesen Atombomben. SPD und Linke stimmten dem Plan zu – und Margot Honecker wird es bestimmt auch freuen.

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